Side Trips

Leave a light on

So where are you and how’s it been?
How’s the weather out there?
Such a long time since you cut out
Left me for anywhere

Come home, the lights are on
I wait for you year after year
Don’t let the past become the reason you’re not here
I hope to see the day you’re walking up the drive to come back inside

(Yellowcard – Leave a light on)

Maddie: Hey, habt ihr sowas schon mal gesehen? Die Leute kriegen einfach weiße Augen und fallen dann um. Ob die Drogen nehmen? Guckt euch das mal an, soooooo creepy!

Niels betrachtete das Video, das seine Kommilitonin in den Whatsapp-Chat gepostet hatte, wieder und wieder. Schon beim ersten Ansehen waren seine Jägerinstinkte angesprungen, aber je öfter er den Replay-Knopf drückte, desto mehr war er sich sicher, dass keiner der Leute Drogen genommen hatte, sondern dass sie von etwas oder jemandem besessen waren.
Es klingelte, und ein Auge immer noch auf dem Smartphone-Bildschirm, öffnete Niels die Tür.
“Hi”, sagte Ethan nur und Niels sah ihn mit einer Mischung aus Überraschung und Entsetzen an. Sein bester Freund sah noch schlechter aus, als er es aufgrund der Nachrichten, die er geschrieben hatte, vermutet hatte. Anscheinend war die Reise nach Griechenland kein Spaziergang gewesen, aber vielleicht würde Ethan ihm in den kommenden Tagen erzählen, was passiert war.
“Komm rein”, meinte Niels nur, “willst du was trinken? Alex arbeitet noch.”
Ethan nickte nur und setzte sich auf die Couch, während Niels in der Küche verschwand und mit einer Flasche Wasser und zwei Gläsern zurückkam. Der Ältere sah zwar aus, als könnte er eigentlich etwas mit wesentlich mehr Umdrehungen – oder überhaupt Umdrehungen – vertragen, aber Niels war gerade eine bessere Idee gekommen, wie er seinen besten Freund ablenken konnte. In wenigen Worten umriss er ihm, was seine Kommilitonin ihm geschickt hatte, dann zeigte er Ethan das Video.
“Das ist gar nicht weit von hier, Alex arbeitet in der Nähe”, erzählte Niels ihm. Vielleicht konnten sie später bei ihm vorbeigehen, Niels hatte das Gefühl, dass sein stets gut gelaunter Freund für Ethan der bessere Gesprächspartner war.
In diesem Moment piepste Niels’ Smartphone.

Bist du gerade in New York? Da passiert was bei euch. Em.
An die Nachricht angehängt war das Video, das Niels von seiner Kommilitonin bekommen hatte.

Ansehen?
Ja, wann und wo?
Am besten direkt in der Kneipe, wo das Video gemacht wurde.
Ok.
Oh, und Ethan kommt auch!
Wenn’s sein muss

Niels sah auf sein Telefon. Wenn’s sein muss? Was war das denn für eine Antwort? Er hätten ein weiteres “Ok” erwartet oder ein “Freu mich”, was für Emily das Äquivalent eines Luftsprungs war, aber nicht das. Immer noch irritiert, holte Niels seine Jacke und seine Mütze und sah dann zu Ethan, der immer noch stumm auf der Couch saß.
“Wollen wir los?” fragte Niels. Irgendwie hatte er gerade ein ungutes Gefühl, und auf einen Job zu gehen, war für ihn sicheres Terrain.
Ethan nickte nur, stand jedoch auf und zog sich ebenfalls wieder seine Jacke über.

Sie gingen zu Fuß, denn die Kneipe war nur zwei Blocks entfernt, und Niels beschloss, Ethan jetzt darüber zu informieren, dass Emily auch kam.
“Ethan… ich muss… ich will… also ich muss dir was sagen. Em… also… Sie ist auch da”, stotterte er, während er wütend die Faust in der Tasche ballte, weil er vor lauter Aufregung wieder sprach, als sei er 12.
Ethan blieb wie vom Donner gerührt stehen. Er sah Niels an, dann schluckte er.
“Kay”, war alles, was er dazu von sich gab.
Niels überlegte, ob er etwas sagen sollte, aber so recht wollte ihm nicht einfallen, was, außerdem hatten sie ihr Ziel erreicht, wo Emily bereits auf sie wartete.
Sie musterte die beiden jungen Männer, und Niels hatte den Eindruck, dass sie noch blasser und müder aussah als sonst. Sie hob eine Hand zum Gruß, und Niels tat es ihr gleich, begleitet von einem “Hi”, Ethan ebenso.
Nervös sah Niels von einem zum anderen. Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht, aber er hatte keine Ahnung, was. Die Spannung zwischen Ethan und Emily war beinahe greifbar, und Niels stellte fest, dass er auf seinem Zungenpiercing herumkaute.
“Ist das… ist das… in Ordnung, wenn… ihr… wir zusammenarbeiten?” fragte er, während er zweifelnd von einem zum anderen sah.
“Ja”, meinte Emily, und Ethan nickte nur. Niels war sich nicht ganz sicher, ob die beiden sich der Tragweite ihrer Antwort bewusst waren, aber sie waren beide erwachsen.

Schweigend betraten sie die Bar, dann suchten sie sich einen Tisch etwas abseits vom Hauptgeschehen, um sich in Ruhe zu unterhalten.
“Also? Was meint ihr?” wollte Emily wissen, noch bevor sie sich richtig hingesetzt hatten.
Ethan zuckte mit den Schultern, und ehe Niels etwas erwidern kann, unterbreitete Emily ihre Theorie: “Vielleicht ist etwas im Trinkwasser, was dazu geführt hat, dass die Leute zusammenbrechen?”
Niels lächelte. “Das halte ich für völlig abwegig. Alex und ich trinken das gleiche Wasser, und weder er noch ich hatten bis jetzt irgendwas.” Unbemerkt wanderte seine Hand zu seiner Brust, wo sich die Antidämonen-Tätowierung befand, aber auch Alex hatte bisher keinerlei Symptome gezeigt. Trotz der Tatsache, dass er aus einer Jägerfamilie stammte und mit einem Jäger zusammenlebte, besaß der Franzose keine Tätowierung, was bereits des Öfteren zu Diskussionen zwischen ihm und Niels geführt hatte.
“Dann vielleicht was, was alle gegessen oder getrunken haben?” Emilys mochte ihre Kollektivtheorie noch nicht aufgeben. Ethan hingegen sagte nichts, sondern brummte nur zustimmend oder ablehnend.
“Kann ich euch alleine lassen oder schlagt ihr euch sonst die Köpfe ein?” wollte Niels schließlich wissen, denn er bekam Durst und wollte an die Bar.
Diesmal nickten beide, und mit hochgezogener Augenbraue und zweifelndem Gesichtsausdruck stand Niels auf und ging zur Theke.
Die Barkeeperin war eine Bekannte von Alex, ihr Name war Susan, und sie freute sich sichtlich, Niels zu sehen.
“Wie geht’s dir? Was macht Alex?” fragte sie, noch bevor Niels seine Bestellung aufgeben konnte.
“Der arbeitet heute abend. Ich bin mit… Freunden da”, antwortete Niels und warf einen Blick zurück über die Schulter. Emily und Ethan spielten gerade das Spiel “Ich gucke, wenn du nicht guckst”, aber sie schienen sich noch zu vertragen.
“Mit der Band? Würde mich ja nicht wundern, wenn die bald einen Plattenvertrag bekommen”, meinte sie.
Niels schüttelte energisch den Kopf. “Gott bewahre, dann sehe ich ihn ja noch seltener!” Wenn Niels in der Uni war, schlief Alex meistens noch, und wenn Niels Zeit hatte, arbeitete sein Freund.
“Wenn sie dann doch mal berühmt werden, vergessen sie hoffentlich nicht ihre Anfänge hier”, meinte Susan lächelnd.
“Glaube ich nicht”, erwiderte Niels entschieden, “nicht Alex.” Eines der Dinge, die Niels an seinem Freund so schätzte, war dessen Understatement. Alex brauchte keinen Plattenvertrag und keine Welttourneen, ihm reichte das winzige Appartement, sein Kellner-Job, seine Band – und Niels.
“Machst du mir drei Cokes?” fragte Niels jetzt, und Susan nickte. Dann fiel dem jungen Mann etwas ein.
“Sag mal, gestern abend… da war hier ja einiges los, oder? Da hatte wohl jemand einen epileptischen Anfall”, meinte er.
Susan nickte. “Ja, das dachte ich auch, aber das war echt sehr seltsam. Die Leute sind ja direkt wieder aufgestanden und es schien ihnen gut zu gehen. Und die haben alle irgendwas komisches gesagt, könnte Deutsch gewesen sein… “ Sie unterbrach sich und musterte Niels kurz, dann fuhr sie fort: “Oder Niederländisch. Das klingt ja so ähnlich.”
“Ist vielleicht jemand von gestern heute wieder hier?” erkundigte Niels sich.
“Ja, jetzt wo du es sagst…” Susan sah an Niels vorbei und deutete auf eine Gruppe Frauen um die 40, die an einem Tisch saßen und sich unterhielten.
“Die in der Mitte, mit dem schwarzen Kostüm – Eleanor heißt sie – die war gestern auch da”, meinte sie. Dann stellte sie die Getränke vor Niels auf den Tresen.
“Sag Alex und den anderen, dass Live-Musik mal wieder schön wäre”, meinte sie lächelnd.
“Mach ich, und danke”, antwortete Niels, dann kehrte er zu den anderen zurück, die sich noch immer höflich anschwiegen.
“Die Frau da drüben” – er deutete auf die Blondine im schwarzen Kostüm – “war wohl eins der Opfer gestern. Ich kann mal mit ihr reden, aber es kann auch gerne einer von euch gehen.”
Noch bevor Niels oder Ethan etwas sagen konnten, war Emily aufgesprungen und an den anderen Tisch gegangen. Sie griff sich einen Stuhl, drehte ihn herum und stützte sich auf der Lehne auf, während sie sich mit den Frauen unterhielt. Als eine Kellnerin sich dem Tisch näherte, gab sie eine Bestellung auf, und dem Glas nach zu urteilen, das sie kurz darauf bekam, sowie der Dekoration an dessen Rand, handelte es sich um Alkohol.
Niels sah, wie Ethan eine Augenbraue hob , denn sie hatten vorher noch darüber geredet, dass sie nüchtern bleiben wollten, immerhin war dies ein Job. Aber bevor einer der beiden Männer etwas sagen konnte, kehrte Emily an den Tisch zurück und berichtete, was sie herausgefunden hatte: Eleanor habe eine Stimme in ihrem Kopf gehört, die in einer fremden Sprache mit ihr geredet habe, sie vermutete Deutsch oder Dänisch. Man hatte sie nach dem Vorfall ins Krankenhaus gebracht und sie einigen Tests unterzogen, aber im Großen und Ganzen ging es ihr wieder gut.
“So, und jetzt muss ich mal wohin”, schloss Emily ihren Vortrag und stand wieder auf. Ethan sah ihr nach, sagte aber nichts. Niels überlegte, ob er seinen besten Freund fragen sollte, was passiert war, aber dann entschied er sich dagegen.
“Lasst uns in den Park gehen oder zu dem Supermarkt, wo auch was passiert sein soll”, meinte er stattdessen. Emily und Ethan waren einverstanden, und Emily verschwand auf die Toilette. Ethan hob nur wortlos seine Lucky Strike-Packung und deutete auf die Tür.
Niels ging zur Theke und zahlte die Getränke, dann holte er sein Smartphone aus der Tasche.

DarkStorm08: Vermisse dich
AlexTrouvère: Ich dich auch
DarkStorm08: Das ist so ätzend gerade hier. Bei Em und Ethan herrscht Eiszeit.
AlexTrouvère: Auweia. Was passiert?
DarkStorm08: Keine Ahnung. Muss los. Seh dich später!
AlexTrouvère: Bisous, mon cher. Bis nachher.

“Fertig?” Emily stand neben Niels, der sein Telefon hastig wegsteckte. Gemeinsam verließen sie die Bar, wo Ethan gerade seine halbgerauchte Zigarette austrat. Schweigend machten sie sich auf den Weg zu dem kleinen Park, und Niels achtete beim Gehen darauf, dass er zwischen Ethan und Emily ging.

Der Park war mehr eine größere Grünfläche mit ein paar Bäumen, Niels war hier schon ein paar Mal zum Zeichnen gewesen. Um diese Tageszeit war hier so gut wie niemand mehr unterwegs, den sie hätten fragen können, ob er oder sie etwas gesehen hatte, und sie wollten gerade kehrtmachen, um zu dem Supermarkt zu gehen, als Niels das Gefühl hatte, dass jemand ihn gegen den Kopf schlug.
“Ruven ben Shlomo?” fragte jemand immer wieder in seinen Gedanken, gefolgt von einer weiteren Frage in einer Sprache, die Niels seltsam bekannt vorkam. Er hatte den Eindruck, als suche jemand in seinem Gehirn nach der Antwort auf die Frage. Der Fragerei folgte eine Welle der Schuld, so stark, dass Niels glaubte, sich übergeben zu müssen, um dem Gefühl Herr zu werden.
Er sah zu Emily und Ethan, und beide wiederholten dieselbe Frage, auch wenn Emily nach einer “Elisheva bat Channa” fragte.
“Ruven ben Shlomo?” wollte die Stimme ein weiteres Mal wissen und in Niels’ Gedanken tauchte ein Haus auf, das er noch nie zuvor gesehen hatte. Dann verschwand die Präsenz wieder, so schnell wie sie gekommen war, und Niels sank auf dem Boden zusammen.
“Es ist doch wieder passiert, es ist doch wieder passiert”, murmelte er entsetzt, dann griff er sich an die Brust. “Es hat nicht funktioniert.” Was immer Jason getan hatte, es hatte nicht geholfen, Dämonen konnten nach wie vor nach Belieben die Kontrolle über seinen Körper übernehmen und eines Tages würde er als Wirt für eine der höllischen Kreaturen enden…
“Niels!” Emily fasste ihn an der Schulter und holte ihn in die Realität zurück.
“Der Dämon!” stieß er hervor, doch sie schüttelte den Kopf.
“Das war kein Dämon. Kein Dämon kann in mich rein. Das war ein Geist”, erklärte sie, und jetzt sah Niels, dass auch Ethan auf dem Boden saß und sich den Kopf hielt.
“War was in meinem Kopf”, meinte er nur.
“Nicht nur in deinem”, antwortete Niels. Er holte die Bibel aus der Hosentasche und schlug sie im 2. Buch Mose auf. Plötzlich fiel ihm ein, warum ihm die Sprache so bekannt vorgekommen war.
“Es war Jiddisch”, meinte er, überrascht über sein eigenes Wissen. Niels beherrschte genau zwei Sprachen: Deutsch – oder besser Bairisch – und Englisch. Alex versuchte zwar, ihm Französisch beizubringen, aber bei Niels’ Lernfortschritten würde er sich wahrscheinlich erst mit 100 mit einem anderen Franzosen unterhalten können – über das Wetter.
“Ich glaube, es war so was wie ‘Ich vermisse euch, ich suche euch schon lange, wo seid ihr, kommt nach Hause’”, setzte er jetzt hinzu, dann sah er die anderen an. “Hat der Geist sonst noch was mit euch gemacht?”
“Kalt, Enttäuschung, Trauer… Schuld…”, versuchte Ethan zusammenzufassen.
“Du sollst sagen, was der Geist mit dir gemacht hat, nicht, wie du dich gerade fühlst”, antwortete Niels trocken, was Ethan nur mit einer hochgezogenen Augenbraue und einem “Mhm” quittierte.
Niels sah seine Freunde an. “Sagt bloß Alex nichts davon”, forderte er jetzt. Sollte Alexandre herausfinden, dass Niels das Opfer eines Geistes geworden war oder gefürchtet hatte, dass ein Dämon ihn übernommen hatte, würde er sich nur unnötig Sorgen machen.
Emily nickte, während Ethan eine Geste machte, als würde er sich selbst einen Reißverschluss über den Mund ziehen.
“Morgen weitersuchen?” fragte Emily und die beiden jungen Männer nickten.
“Gut, dann mache ich mich mal auf in meine Unterkunft”, erklärte sie.
“Pass auf dich auf”, flüsterte Ethan.
“Weißt du nicht, wer oder was ich bin?” fragte sie schnippisch.
Niels schluckte eine Bemerkung herunter, dass sie in erster Linie einfach garstig war, aber dann meinte er nur: “Wenn du willst, kannst du morgen zum Frühstück kommen.”
“Ok”, antwortete sie nur, dann war sie verschwunden.

“Es geht mich eigentlich nichts an, aber ich will diesen Job erledigen und ich will mich darauf verlassen, dass das mit euch funktioniert. Also, was zum Teufel ist los mit euch?”
Der Schnaps, den er und Ethan auf ihrem Weg zur Wohnung Heckler/Maunier noch gekauft hatten und den sie jetzt nach den Flaschen Burlingtoner Craft Beer leerten, die Ethan mitgebracht hatte, hatte Niels’ Zunge gelockert. Entgegen seiner Angewohnheit, sich aus dem Privatkram anderer Leute herauszuhalten, wollte er jetzt wissen, was zwischen Emily und Ethan passiert war.
“Griechenland. Lange Geschichte. Irene: Seele wieder drin. Emily: auch da. Wollte Irene umbringen. Keine Seele: Monster”, erzählte Ethan jetzt. Niels starrte ihn an. Dass Irene Hooper-Winslow ihre Seele zurück hatte, war die eine Sache – das war vielleicht sogar eine gute Nachricht – aber dass Emily versucht hatte, die Britin umzubringen, war eine ganz andere.
“Wollte Emily nur beschützen. Hätte besser nicht gesagt, dass Irene auf mich geschossen hat. Deswegen: Irene gejagt”, fuhr Ethan fort.
“Irene hat auf dich geschossen?” Niels hätte beinahe die Flasche fallengelassen, so sehr überraschte ihn diese Enthüllung.
“Oregon”, meinte Ethan.
Niels schüttelte den Kopf, denn er kam gerade nicht mehr ganz mit. Damals im Krankenhaus hatten Emily und Ethan es ihm gegenüber so erklärt, dass der Schuss mehr oder minder ein Unfall gewesen war. Natürlich hatte Niels gewusst, dass Irene keine Seele mehr besessen hatte, aber er hätte nicht gedacht, dass sie mit voller Absicht auf ihren alten Jagdkollegen geschossen hatte.
“Wünschte, ich hätte sie umgebracht.” Ethan nahm einen großen Schluck und hielt Niels das Glas hin.
“Emily?” entfuhr es Niels entsetzt, was ihm einen langen Blick von Ethan einbrachte.
“Irene. Es tut so weh… Sie kann nicht verstehen, dass das in der Höhle nicht für Irene war”, sagte Ethan dann mehr zu sich selbst.
Niels beschloss, das Thema zu wechseln, denn ihm war inzwischen noch etwas eingefallen.
“Was hatte es eigentlich mit dieser Alaska-Geschichte auf sich? Sorry, da seid ihr gerade voll in meine Prüfungen reingegrätscht, und irgendwann muss ich auch mal studieren – oder zumindest so tun, als ob.” Niels seufzte, wenn er daran dachte, dass er für einen Bachelor solange gebraucht hatte wie andere für Bachelor und Master. Aber die hatten auch nicht zweimal die Uni gewechselt und ein halbes Jahr ausgesetzt, weil sie sich aus purer Dummheit selbst angezündet hatten.
“Weiß nicht viel. Emily wurde entführt. Von Discordianern. Keine Ahnung, wer das ist, aber die haben sie in einen Kampfring gesperrt. Sie musste kämpfen. Gegen andere Menschen”, erklärte Ethan.
“Alter! Was für eine kranke Scheiße!” Niels stand auf, ging zwei Schritte auf und ab, dann rammte er seine Faust in die Wand. Alex hatte vorsorglich eine dünne Schaumstoffmatte an einer Stelle aufgehangen, weil er keine Lust hatte, dauernd Niels’ Hände zu verbinden.
Er hatte sich schon gedacht, dass etwas Schlimmes mit Emily passiert war, aber das überstieg seine Vorstellung. Dann dachte er daran, was ihnen vor einem halben Jahr in Arizona passiert war. War das die gleiche Gruppierung gewesen? Wobei die ja eher Jäger in Beute verwandelt hatten, statt sie gegeneinander antreten zu lassen.
Niels hatte soviele Fragen, aber die würde er wenn überhaupt, Emily stellen müssen.
Ethan seufzte und sah in sein Glas. “Ich habe sie verloren.”
“Unsinn, du hast noch gar nichts verloren. Wenn du ihr egal wärst, hätte sie nicht so komisch reagiert.” Niels klopfte Ethan aufmunternd auf die Schulter.
Ethan seufzte erneute, und Niels spürte einen Stich, als er sich daran erinnerte, wie Philip ihm gesagt hatte, dass es vorbei war. Für eine Weile schwiegen beide, in Gedanken versunken, bis Niels als erster wieder das Wort ergriff.
“Ethan… ich war damals in Ottawa nicht ganz ehrlich zu dir”, meinte er schließlich. “Damals, als Philip mich verlassen hat… ich habe drüber nachgedacht, mich umzubringen, weil ich es nicht ausgehalten hat, es hat so verdammt wehgetan. Aber ich schwöre dir, wenn du dir was antust, dann hole ich dich aus der Hölle zurück und schicke dich wieder rein und hole dich wieder zurück und…”
“He.” Ethan unterbrach Niels und zog einen Mundwinkel nach oben wie zu einer Art Lächeln. “Hab ich nicht vor. Hatte noch nicht mal den Gedanken bisher.”
“Ich hoffe, ich habe dich nicht auf dumme Gedanken gebracht”, murmelte Niels verlegen.
“Nein. Wäre viel zu billig.” Jetzt machte Ethan wieder ein grimmiges Gesicht und nahm noch einen Schluck.
“Vielleicht lässt du Emily erstmal in Ruhe”, schlug Niels jetzt vor, “und geh einfach nicht weiter auf sie ein. Das wird schon.” Plötzlich fiel ihm wieder ein, wie er und Philip gestritten hatten, wenn Gustav wieder einmal vor der Tür gestanden hatte.
“Aber vielleicht rede ich auch einfach Müll, von Frauen habe ich nun gar keine Ahnung”, meinte er dann.
“Du könntest mit Alex reden, der hatte schließlich auch mal Freundinnen”, schlug er dann vor.
Ethan lächelte müde und schüttelte den Kopf. “Kenne ihn ja gar nicht so gut. Eigentlich gar nicht.”
Niels nickte und schenkte noch einmal nach. Inzwischen war die Flasche eher leer als halbvoll zu nennen, und er merkte, dass ihm das Aufstehen deutlich schwerer fiel als sonst, als er zur Toilette ging. Schließlich schlug er Ethan vor, dass sie einen Haken an den Tag machten und schlafen gingen, denn er spürte den Alkohol schon sehr deutlich.
Ethan schien bereits den gleichen Gedanken gehabt zu haben, er rollte seinen Schlafsack auf der Couch aus, während Niels sich ins Schlafzimmer verzog.

“Guten Morgen, mon cher.” Alexandre grinste, während er die Vorhänge zur Seite zog. Niels blinzelte und grummelte, dann vergrub er den Kopf wieder im Kopfkissen. Alex verließ derweil das Schlafzimmer und Niels war froh, dass er nichts gesagt hatte. Es war schon unangenehm genug, einen Kater zu haben, da brauchte er nicht auch noch die Schadenfreude seines Freundes.
Langsam stand er auf und ging Richtung Dusche. Ethan war inzwischen auch schon aufgestanden, er saß am Tisch und hatte eine Tasse Kaffee vor sich, den nassen Haaren nach zu urteilen, war er Niels schon einen Schritt voraus.
Die Dusche vertrieb Niels’ Kopfschmerzen, totmüde war er aber immer noch. Er wusste, dass er von Alex kein Mitleid zu erwarten hatte, aber er versuchte es dennoch, indem er den Kopf auf den Tisch legte und sich überlegte, weiterzuschlafen. Der Franzose lächelte nur, strich ihm über den Kopf und meinte: “Zuviel getrunken?”
“Ja, Papa.” Niels schloss die Augen, als es an der Tür klingelte.
“Ich mach schon”, meinte Alex mit einem vielsagenden Seitenblick zu Niels und Ethan.
Emily betrat die Wohnung und sah erst auf die beiden jungen Männer, die aussahen, als seien sie gerade von den Toten auferstanden und dann zu Alex.
“Was habt ihr getrieben?” wollte sie wissen.
“Ich glaube, sie haben sich ziemlich abgeschossen gestern abend”, antwortete Alex, und mit diesen Worten hob er die fast leere Schnapsflasche hoch.
“Wer’s nicht kann, sollte es besser lassen”, meinte sie spöttisch und folgte Alex in die Küche.
Niels nahm jetzt einen Schluck Kaffee, der inzwischen Trinktemperatur hatte, und stand dann auf, um Alex und Emily in der Küche Gesellschaft zu leisten.

Emily stand am Fenster, eine Kaffeetasse in der Hand, während Alex am Herd in der Pfanne rührte. Sie wirkten nicht so, als seien sie gerade in eine besonders spannende Unterhaltung vertieft, und als sie Niels sah, nickte Emily nur kurz und ging hinaus.
Niels stellte sich hinter Alex und umarmte ihn von hinten. Der hörte für einen Moment auf mit Rühren, lehnte sich zurück und lächelte.
“Na, wieder wach?” wollte er wissen.
“Dein Kaffee weckt Tote auf, mein Liebster”, meinte Niels.
“Mein Frühstück auch”, antwortete Alex lächelnd, “aber nur, wenn du mich weitermachen lässt.”
“Es fällt mir schwer, aber ich habe Hunger”, gab Niels zu. Er küsste Alex, dann verließ er die Küche wieder. Die Aussicht, mit vollem Magen Nachforschungen anzustellen, war dann doch verlockender, als mit Alex in der Küche herumzuturteln.

Nachdem das Frühstück vorüber war und Niels sich mehr als ausgiebig von Alex verabschiedet hatte – der hatte ihn schließlich mit einem “Du fährst nach Brooklyn, nicht zum Mond” aus der Tür geschoben – gingen die drei Jäger zur nächsten U-Bahn-Haltestelle. Nachdem er, Ethan und Emily die Ereignisse des Vortags noch einmal rekapituliert hatten – während Alex außer Hörweite war – war Niels eingefallen, dass er das Haus, das sie in der Vision gesehen hatten, in Brooklyn stand.
“Alex mag uns nicht”, erklärte Emily unvermittelt, nachdem sie in der U-Bahn Platz genommen hatten.
Niels sah sie überrascht an. “Ich weiß nicht, wie du darauf kommst. Er mag dich und Ethan. Es ist halt… es geht darum, was ihr seid, nicht wer ihr seid”, versuchte er es ihr zu erklären.
“Das geht allen so”, entgegnete Emily trocken, was Niels den Kopf schütteln ließ.
“Nein. Es geht nicht darum, dass du Emily McMillen bist. Es geht darum, dass du Emily, die Jägerin bist.” Dass sie Alex darüber hinaus ein wenig unheimlich war, musste sie nicht wissen.
“Alex: Jägerfamilie. Oder?” fragte Ethan nachdenklich.
“Ja, seine Mutter und seine Schwester sind beide Jägerinnen, seine Mutter ist aber nicht mehr aktiv. Sie wollte, dass er auch jagen geht, aber Alex wollte nicht. Er findet das nicht sonderlich prickelnd.” Niels machte eine Pause und musste trotz des ernsten Themas grinsen. “Naja, jetzt ist er mit einem Jäger zusammen. Und wenn er könnte, würde er rund um die Uhr auf mich aufpassen.”
“Will er etwa nicht, dass du auf die Jagd gehst?” fuhr Emily auf.
“Was? Nein, ich mach das schon weiter”, entgegnete Niels. Natürlich hatte er darüber nachgedacht, das Jagen Alex’ zuliebe aufzugeben, aber solange sein Freund es nicht explizit von ihm verlangte, sah er keine Veranlassung, es wirklich zu tun.
“Du kannst dich ja auch zur Ruhe setzen.” Emily schien das Thema nicht fallen lassen zu wollen.
“Ich kann doch nix anderes”, behauptete Niels, weil er eigentlich nicht weiter darüber sprechen wollte.
“Zeichnen?” Emily musste das letzte Wort haben.
“Es liegt mir halt im Blut.” Du bist ein Heckler, Niels Aaron. Ein Jäger. Niels fielen die Worte ein, die sein Vater ihm im Traum gesagt hatte.
“Und überhaupt, das geht schon, wenn ein Partner Jäger ist. Bei meinem Vater und meiner Tante ging das ja auch.”
Niels sah zu Boden, denn er verschwieg Emily den Teil, dass Delia Heckler seit dem Tod ihres Mannes nur noch schwarz trug und immer noch um Jacob trauerte. Er hoffte, dass es Alex niemals so ging, aber ganz sicher würde er erst sein, wenn er das Jagen wirklich an den Nagel hängte.

Schließlich erreichten die drei Jäger ihr Ziel, das Haus aus ihrer Vision. Es war ein unscheinbares Backsteingebäude, zu dessen Eingang eine kleine Treppe hinaufführte.
“Wie vorgehen?” wollte Ethan wissen.
Niels sah ihn aufmunternd an. “Am besten klingelst du, ich bin ein langhaariger, tätowierter Bombenleger”, meinte er grinsend, während er sich die Haare aus dem Gesicht strich. Inzwischen waren sie so lang geworden, dass er sie mit einem Gummi am Hinterkopf zusammenfassen konnte, aber ausgerechnet heute hatte er darauf verzichtet.
Ethan zuckte nur mit den Achseln und ging dann die Stufen hinauf, um zu klingeln. Fast im gleichen Augenblick wurde die Tür geöffnet und ein weißhaariger Mann um die 60 öffnete.

Während Ethan mit dem alten Mann redete, der durchaus gesprächsbereit zu sein schien, wandte Emily sich an Niels.
“Sorry wegen eben”, meinte sie leise.
Niels zog eine Augenbraue hoch. “Meinst du wegen Alex?” wollte er wissen.
Sie machte nur “Mhmm”, und Niels lächelte sie aufmunternd an. “Schon ok.” Er wollte das Thema jetzt nicht vertiefen, aber Emily ließ es scheinbar keine Ruhe.
“Wollte dir nicht zu nahe treten”, sagte sie.
“Später”, antwortete Niels, der jetzt sah, dass Ethan sie zur Tür winkte, die der alte Mann einladend geöffnet hatte.

Der Mann stellte sich als Arie Rivkind vor, “oder Arieh ben Shlomo, das ist mein hebräischer Name.” Shlomo war der Name seines Vaters, der vor ungefähr sechs Wochen verstorben war. Er lud die drei Jäger ein, ihm ins Esszimmer folgen, was Niels die Gelegenheit gab, sich ein wenig im Haus umzusehen. Es war eindeutig jüdisch eingerichtet, an der Tür hing eine Mesusa, und auf einem Bord im Esszimmer konnte Niels den siebenarmigen Leuchter sehen. Das Judentum war die einzige Religion, die in Gustavs Augen neben dem Christentum Gnade gefunden hatte, und so hatte er seinen Söhnen rudimentäre Kenntnisse darüber beigebracht.
Arieh bedeutete den drei Jägern, sich zu setzen, was er ebenfalls tat, dann begann er, zu erzählen.
“Ruven war mein älterer Halbbruder. Er ist während der Shoah verschwunden. Ich habe ihn nie kennengelernt, Ruven war der Sohn aus der ersten Ehe meines Vaters. Seine Mutter – die erste Ehefrau meines Vaters – hieß Elisheva. Mein Vater wurde während der Shoah von seiner Frau und seinem kleinen Sohn getrennt, und trotz intensiver Suche konnte er sie nie wiederfinden. Nachdem er nach Amerika ausgewandert war, hat er wieder geheiratet – meine Mutter. Mein Vater und ich haben immer wieder nach meinem Bruder und der ersten Ehefrau meines Vaters geforscht, aber wir sind nie fündig geworden.”
Er machte eine kurze Pause und sah die Jäger an. “Und wie kommen Sie nun auf die Namen?”
Niels sah zu seinen Begleitern, dann wiederholte er die Worte, die sie alle gestern gehört hatten. Das leise Lächeln auf dem Gesicht des alten Mannes verriet ihm, dass sein Akzent wahrscheinlich grauenhaft war, aber das war im Moment egal.
Arieh nickt, bevor er jedoch etwas sagen konnte, meldete Emily sich zu Wort.
“Wurde Ihr Vater in New York beigesetzt?”, wollte sie wissen.
Der alte Mann schüttelte den Kopf. “Nein, mein Vater ist in Israel beerdigt worden.”
Emily sah zu Niels und Ethan, aber ihnen allen war klar, was das bedeutete: Die Knochen ausgraben und verbrennen würde bei diesem Geist nicht helfen – so es denn ein Geist war.
“Gibt es hier einen Gegenstand, der Ihrem Vater viel bedeutet hat?” fragte Emily weiter.
Falls der alte Mann über die Frage irritiert war, ließ er sich nichts anmerken. Er machte nur eine ausladende Handbewegung.
“Aber ja, etliche. Wenn Sie wollen, führe ich Sie gerne durchs Haus.”
Niels sah auf, er hatte gerade versucht, auf seinem Smartphone nach Ruven ben Shlomo zu googlen, aber hier hatte er kein Internet. Er überlegte, ob er nach draußen gehen sollte, aber es erschien ihm unhöflich, der alte Mann schien wirklich erfreut zu sein, dass sich die drei Jäger für seine Familiengeschichte interessierten.

Es war ein wenig wie eine kleine Zeitreise, als Arieh Rivkind die drei Jäger durch sein kleines Haus führte und ihnen die Gegenstände zeigte, die seinem Vater etwas bedeutet hatten. Niels stellte fest, dass es nicht einfach werden würde, daraus genau das Teil herauszufinden, das Shlomos Anker in dieser Welt war.
Schließlich entschuldigte er sich bei Arieh unter dem Vorwand, dass sie noch etwas zu erledigen hatten, sie würden ihn aber sicher wieder besuchen.
Als sie vor der Tür standen, sah Emily ihre Mitjäger an.
“Es ist ja wohl ganz klar, was wir zu tun haben”, erklärte sie, “wir müssen herausfinden, welcher Gegenstand der Anker ist und in welchem der Geist sitzt.”
“Geht’s noch?” Niels sah seine Freundin erbost an. “Du machst es dir ein bisschen zu einfach.”
“Ich will mich einfach nicht damit aufhalten, irgendwelche Geister nach Hause zu schicken. Es geht einfach schneller, wenn wir ihn vernichten. Wir sind Jäger. Wir vernichten Geister”, antwortete sie, und ihre Stimme nahm den gefährlich-ruhigen Unterton an, den Niels schon kannte. Sie bekam ihn immer, wenn sie der Meinung war, dass sie recht hatte.
“Wegschicken: schneller. Manchmal einzige Option. Und weniger gefährlich”, mischte sich jetzt Ethan ein.
“Zur Not ziehe ich das alleine durch. Meine Methode ist schließlich besser als diese Weichei-Nummer” antwortete Emily, dann wandte sie sich an Ethan: ”Aber dass du auf sowas bestehst, das war ja klar.”
“Weichei?” Niels traute seinen Ohren nicht, niemand durfte ihn ungestraft als “Weichei” beschimpfen, nicht mal Alex.
“Leichter und weniger Risiko”, beharrte Ethan, aber das schien Emily nicht hören zu wollen.
“Ich weiß nicht, was mit dir passiert ist, dass du so drauf bist.” Wenn Emily Streit wollte, dann sollte sie ihn haben, Diplomatie oder Kompromissbereitschaft waren keine Eigenschaften, die man Niels zuschreiben konnte.
“Frag Ethan, der weiß es”, behauptete Emily schnippisch.
“Weiß ich eben nicht, du sagst es mir ja nicht”, schoss der zurück.
“Du weißt genau, was in Griechenland passiert ist”, fuhr Emily ihn an.
“Aber ich weiß nicht, was in Alaska passiert ist!” Ethan war wirklich wütend, er bildete inzwischen ganze Sätze.
“Aber du weißt, was in Griechenland passiert ist”, wiederholte Emily.
“Das weiß ich, aber Griechenland hat damit gerade nichts zu tun!” Jetzt wurde Ethan auch laut, und Niels wurde es langsam zu bunt.
“Schnauze! Alle beide!” brüllte er seine Freunde an.
“Ihr benehmt euch wie zwei kleine Kinder. Ihr habt mir gestern versprochen, dass ihr euch professionell verhaltet und miteinander klarkommt, aber das hier ist gerade das Gegenteil davon.” Er kam sich vor wie ein Vater, der mit seinen Kindern schimpft, aber offensichtlich war es gerade nötig, die beiden so zu behandeln, wenn sie sich so benahmen.
“Vielleicht wäre es einfacher, wenn du nicht so ablehnend wärst”, wandte er sich jetzt an Emily, wieder etwas versöhnlicher, doch das war genau der falsche Tonfall.
“Die Menschen wolle doch gar nicht gerettet werden. Und überhaupt, sie sagen, ich sei ein Monster.”
“Du bist kein Monster.” Niels hatte keine Ahnung, wer so einen Unsinn über Emily redete. Sicher, sie war schwierig, sie war verbohrt und die Zeit im Fegefeuer hatte sie hart gemacht, aber “Monster”? Das war kein Attribut, das er ihr zuordnen würde.
Auch Ethan nickte bestätigend, aber dass er Emily nicht für ein Monster hielt, wunderte Niels nicht. Ihm war jedoch inzwischen eine andere Idee gekommen, wie er die Wogen wieder glätten konnte.
“Ein Vorschlag zur Güte. Wir haben ja noch nicht einmal probiert, mit dem Geist zu reden. Da bisher niemand wirklich zu Schaden gekommen ist, können wir es ja so probieren und nicht gleich alles anzünden. Sogar mein beschränkter Bruder hat verstanden, dass man es anders machen kann.” Niels dachte daran, wie er und Benedikt Bobby Brown und Agent Saitou dabei begleitet hatte, den Geist der ermordeten Buchhalterin Eleanor Reyes zurückgeschickt hatte.
“Und mal ehrlich, wie hattest du dir das vorgestellt, Em? Wir spazieren in das Haus und holen alles raus? Willst du dem alten Mann wirklich die ganzen Erinnerungen an seinen Vater wegnehmen?” Niels sah Emily eindringlich an, die jetzt widerwillig den Kopf schüttelte.
“Na gut. Wir reden mit dem Geist, und wenn das nicht klappt, dann verbrennen wir das Zeug”, erklärte sie.
Niels seufzte. “Dann sollten wir jetzt überlegen, wo wir hingehen, um mehr Informationen zu bekommen.”
“Jewish Heritage Center?” schlug Ethan vor, während er sein Smartphone in der Hand hatte.
Niels sah ihn fragend an und Ethan reichte ihm das Telefon.
Beim Jewish Heritage Center handelte es sich um eine Stiftung, die sich unter anderem auch um Shoah-Überlebende kümmerte, es gab eine Niederlassung in Queens und eine auf Long Island. Mit der U-Bahn würden sie die in Queens schnell erreichen können und dort konnte man ihnen vielleicht weiterhelfen, mehr über den Verbleib von Ruven herauszufinden.

Emily schien trotz des Kompromisses immer noch beleidigt zu sein, sie ging eiligen Schrittes voraus. Als Ethan ihr nach wollte, hielt Niels ihn zurück.
“Ethan, lass sie in Ruhe”, meinte er.
“Tu ich ja. Ist nur verdammt schwer”, antwortete Ethan und zuckte entschuldigend mit den Achseln.
“Du weißt doch, wie sie ist. Sie will keine Hilfe annehmen, da ist sie genau wie ich.” Niels holte tief Luft, denn das nächste, was er sagen wollte, war sehr privat und etwas, was er sich lange nicht hatte eingestehen wollen.
“Ich weiß nicht, wie oft ich Philip weggestoßen habe, wenn er einfach nur für mich da sein wollte.” Niels seufzte. Rückblickend war er wahrscheinlich der schrecklichste Freund der Welt gewesen und er hatte keine Ahnung, womit er jemanden mit Philips Engelsgeduld verdient hatte.

Am Empfang des JHC saß eine junge Frau Anfang 20, die mehr als bereit war, ihnen zu helfen, nachdem Niels ihr ein besonders gewinnendes Lächeln geschenkt hatte. Für einen Moment überlegte er, ob er sie noch zu einem Kaffee einladen sollte, aber dann entschied er sich dagegen. Damit hätte er ihr falsche Hoffnungen gemacht.
Aber auch ohne Einladung zum Kaffee wurden die drei Jäger mit Hilfe der jungen Frau schnell fündig: Ein Mann in Minnesota suchte seinen Vater Shlomo Rivkind. Er war als Kind nach Schweden gebracht und dort adoptiert worden, hatte jedoch seine leibliche Familie nie vergessen und vor Kurzem einen Suchantrag an das Center gestellt.
Sie schrieben die Adresse auf und kehrten zu Arieh zurück, der ein paar Fotos herausgesucht hatte, mit denen er beweisen konnte, dass er tatsächlich Ruvens Bruder war.

Während der alte Mann die Nummer in Minnesota anrief, richtete Niels Skype auf Ariehs Rechner ein.
“Jetzt bin ich gespannt”, erklärte er, nachdem er aufgelegt hatte, “und dieses Programm, damit kann ich wirklich meinen Bruder sehen?” Die moderne Technik schien ihn noch nicht ganz überzeugt zu haben.
“Setzen Sie sich, ich erkläre Ihnen, was Sie machen müssen”, meinte Niels, und kaum hatte er seine Anleitung beendet, da klingelte Skype auch schon.
Arieh nahm den Anruf an und auf dem Bildschirm erschien ein weißhaariger Mann, die Ähnlichkeit war nicht zu übersehen. Hinter ihm stand eine junge Frau, die sich mit den Worten “Wenn was ist, ich bin im Wohnzimmer, Gramps” von ihm verabschiedete.
“Kommen Sie zurecht?” wollte Niels wissen, aber dann sah er, dass Arieh bereits die Fotos in die Kamera hielt und sich angeregt mit seinem Bruder unterhielt. Auf Zehenspitzen verließ Niels das Zimmer und ging die Treppe hinunter, wo Ethan und Emily bereits warteten. Ethan machte Niels ein Zeichen, dass er sich einen der Gegenstände, die ihnen Arieh zuvor gezeigt hatte, eingesteckt hatte. Auf dem Rückweg vom Center hatten sie überlegt, dass sie die Hilfe eines Geistlichen benötigten, um den Geist zur Ruhe zu bringen, in diesem Fall die eines Rabbiners.

Nathan Berkowicz, der Rabbiner der nächstgelegenen Gemeinde, war Anfang 40, er hatte einen gepflegten kurzen Bart und trug einen schwarzen, modisch geschnittenen Anzug. Säßen sie ihm nicht gerade in seinem Gemeindebüro gegenüber, dann hätte Niels ihn eher in einem der Künstlercafés im Village verortet.
Er hörte sich die Geschichte der Jäger an und schien es nicht im Mindesten verwunderlich zu finden, dass der Geist des verstorbenen Shlomo nach seiner Ehefrau und seinem Sohn suchte und dabei zu drastischen Maßnahmen gegriffen hatte. Niels fragte sich, ob man als Geistlicher automatisch eher bereit war, an das Übernatürliche zu glauben.
Berkowicz lud Emily, Ethan und Niels ein, ihn in die Synagoge zu begleiten, wo er den mitgebrachten Gegenstand ablegte und den Geist von Shlomo rief. Kurze Zeit später spürte Niels wieder die Präsenz, die am Vorabend von ihm Besitz ergriffen hatte, und auf die Frage “Ruven ben Shlomo?” antwortete er “Niels… Niels Heckler”. Leise nahm er wahr, dass seine Freunde genauso ihre Namen nannten, doch die Frage hörte nicht auf, immer wieder hämmerte “Ruven ben Shlomo? Ruven ben Shlomo?” in Niels’ Kopf herum.
“Es funktioniert nicht”, meinte er in Richtung des Rabbiners, der nur nickte.
“Ich nehme nicht an, dass jemand von Ihnen Hebräisch spricht?” wollte Bercowicz wissen, aber als alle drei Jäger den Kopf schüttelten, rieb er sich nur wissend das Kinn. Niels schüttelte den Kopf sogar noch vehementer, Gustav hatte ihn zu genüge mit Latein und Altgriechisch gequält, der Bibelkunde auf Althebräisch hatte er sich widersetzt. Erstaunlicherweise hatte Gustav dieses Mal eingelenkt, aber Benedikt hatte Niels später verraten, dass der alte Heckler diese Sprache selbst kaum sprach und dass das der Grund gewesen sein mochte.
Berkowicz schien zu überlegen, nachdenklich sah er von einem zum anderen. Dann lächelte er plötzlich wissend.
“Wie heißen Sie nochmal? Und wie heißen Ihre Väter? Vielleicht können wir es mit den hebräischen Formen Ihrer Namen probieren”, erklärte er freudestrahlend, und sein Blick fiel auf Niels.
“Sie heißen Niels, nicht wahr? Was ist das für ein Name?”, erkundigte er sich.
Der Name, den mein Vater mir gegeben hat, fuhr es Niels durch den Kopf, aber das war sicher nicht die Antwort auf die Frage des Rabbis.
“Das ist eine Form von Nikolaus”, antwortete Niels, aber das schien Berkowicz nicht zufriedenzustellen.
“Haben Sie nicht vielleicht noch einen zweiten Vornamen?” fragte der Geistliche.
“Aaron”, flüsterte Niels, “es ist der erste Vorname.”
Der Rabbiner sah Niels überrascht an. “Ein hebräischer Name. Interessant. Aber wieso…”
“Lange Geschichte. Nur soviel: Ich will diesen Namen nicht benutzen, und bitte nennen Sie mich nicht so.”
“Und Ihr Vater?” wechselte der Geistliche schnell das Thema.
“Jacob.”
“Aharon ben Yaakov, das ist ja sehr einfach.”
Nein, es ist nicht einfach. Nie gewesen.
Niels verzog das Gesicht und überlegte, ob er etwas sagen sollte, aber Berkowicz erfragte bereits den Namen von Emilys Mutter, und so ließ er die Sache auf sich beruhen und hörte zu, wie aus “Emily McMillen” durch seine geschickte Übersetzungsarbeit “Amaliah bat Navlanit” wurde. Navlanit bedeutete “die Harfenspielerin”, was in etwa dem englischen Vornamen Harper entsprach, auf den Emilys Mutter hörte. Erst bei Ethan schienen die Sprachkenntnisse des Geistlichen zu versagen. “Douglas”, das wusste Niels, war ein keltischer Name, für den Berkowicz keine Entsprechung fand.
“Wie hieß denn Ihre Mutter?” fragte er schließlich, und als Ethan mit “Deborah” antwortete, schien der Rabbiner fast ein wenig erleichtert ein “Eytan ben Dvorah, sehr gut” auszustoßen.
Nachdem die Namen angepasst worden waren, reichte Berkowicz einen Zettel.
“Wenn ich das richtig verstanden habe, sind Sie Deutscher. Vielleicht können Sie das hier vorlesen? Ich habe mir die Freiheit genommen, auf Jiddisch aufzuschreiben, dass die Liebsten des Geistes in Sicherheit sind, vielleicht können Sie ihm das sagen.”
Niels sah auf den Zettel und nickte, und als sie den Geist ein weiteres Mal riefen, sagten sie ihm die Namen und Niels las den Text vor. Es schien, als ginge ein fast erleichtertes Seufzen durch den Raum, dann war es still, und die Präsenz war verschwunden. Ein weiteres Mal war es ihnen gelungen, einen Geist nach Hause zu schicken.

Sie verabschiedeten sich von Berkowicz, der sich seinerseits für die Hilfe der drei Jäger bedankte. Emily wollte sich ebenfalls verabschieden, aber Niels hielt sie zurück.
“Hattest du nicht gesagt, du wolltest mit uns auf den erfolgreichen Job anstoßen?” fragte er, während er eins seiner Lächeln an Emily ausprobierte.
Auch bei ihr versagte es nicht seine Wirkung, sie nickte langsam.
“Dann komm mit”, meinte Niels, als ihm etwas einfiel.
“Ich bin dir übrigens nicht böse wegen der Sache mit Alex. Ich verstehe ja, dass du dir Sorgen machst.” In seinen Augen reichte es allerdings, wenn er und Alex sich diese Sorgen machten, ihre Beziehung war schon kompliziert genug.
“Und übrigens – was zwischen dir und Ethan in Griechenland passiert ist, das geht mich nichts an.” Niels saß der Streit seiner Freunde immer noch in den Knochen, das hatte er nicht erwartet.
“Was in Griechenland passiert ist, kann ich ihm nicht so schnell verzeihen”, antwortete Emily, die Arme vor der Brust verschränkt.
“Das sollst du ja gar nicht”, sagte Niels. “Ich will auch nicht wissen, was da war oder in Alaska”, setzte er dann hinzu, “und du sollst wissen, dass du meine Freundin bist, das habe ich dir schon mal gesagt. Und ich hätte mich dir nicht so anvertraut, wenn du es nicht wärst.” Emily war neben Niels’ Schwester, Alex und Ethan der einzige Mensch, der über Niels’ Vergangenheit genau Bescheid wusste, es war ihm wichtig gewesen, dass sie damals in Albany alles von ihm erfahren hatte.
Emily sah Niels immer noch ernst an. “Das hat mir schon ein Freund gesagt und dann hat er sich von mir abgewandt”, erklärte sie leise.
Niels seufzte. “Ethan hat sich nicht von dir abgewandt.” Vielleicht sollten Emily und Ethan einfach in Ruhe miteinander reden, dann konnten sie ihre Probleme eventuell in den Griff kriegen.
Emily schüttelte jedoch den Kopf. “Ich rede nicht von Ethan.”
Niels war für einen Moment überrascht, aber es stand ihm nicht zu, weiterzufragen. Ihm war es auch wichtiger, dass sie wusste, dass er sich nicht von ihr abwandte, und das sagte er ihr auch.
“Ich weiß doch viel zu gut, wie du dich fühlst. Wir sind beide durch die Hölle gegangen, jeder durch seine eigene.” Niels stellte fest, dass er immer noch Schwierigkeiten hatte, darüber zu sprechen, aber er musste es Emily sagen.
“Ich bin mit Philip genauso umgegangen.” Es war seltsam, das auszusprechen, aber seit er wieder einen festen Freund hatte, dämmerte ihm, dass nicht nur sein Kuss mit einer Frau schuld daran gewesen war, dass seine Beziehung zu Philip in die Brüche gegangen war. Seine dauernde Abwehrhaltung und seine Geheimnisse hatten viel früher dazu beigetragen, dass zwischen ihnen ein ständiger Riss war, den Niels leicht hätte kitten können – aber er war nicht dazu bereit gewesen.
“Ich habe die Quittung gekriegt und Philip hat mich verlassen.” Niels holte Luft.
“Er hat mich gedrängt, meine Familie anzuzeigen, aber ich wollte das nicht, ich wollte einfach, dass er mich in Ruhe lässt. Was hätte ich ihm denn sagen sollen? Die Wahrheit? Mein Vater ist ein verrückter Fanatiker, der Monster jagt und glaubt, bei seinem Sohn die Homosexualität exorzieren zu können? Nein, ich konnte und ich wollte es ihm nicht sagen ich wollte nur damit abschließen.” Niels biss sich auf die Unterlippe, er hätte nicht gedacht, dass diese Erinnerungen ihn immer noch so mitnahmen.
“Ich habe Menschen getötet.” Emily sah Niels direkt an, ihre blauen Augen waren beinahe ausdruckslos.
Überrascht über den abrupten Themenwechsel und schockiert über die Aussage an sich, war Niels für einen Moment sprachlos, doch dann fing er sich wieder.
“Hatten sie… hatten sie es verdient?” fragte er.
“Ansichtssache”, entgegnete Emily kühl, “die einen sagen nein, ich sage ja.”
“Puh. Das muss sich erstmal setzen.” Niels atmete tief durch, mit so etwas hatte er nicht gerechnet. Einem Impuls folgend, ging er auf Emily zu, nahm sie in den Arm und flüsterte ihr ein “Alles wird gut” ins Ohr. Emily erwiderte die Umarmung nicht, aber zu Niels’ Überraschung, ließ sie sie zu.
So schnell, wie er sie umarmt hatte, löste Niels die Umarmung wieder.
“Ich hätte es genauso gemacht”, flüsterte er noch, als sie sich zum Gehen umwandte. Er hätte Irene getötet, ohne mit der Wimper zu zucken. Sie hatte ihre Seele hergegeben, auf seinen besten Freund geschossen und sich dazu entschieden, ein Monster zu sein. Sie hatte es verdient zu sterben.

Es wurde ein seltsamer Abend im Haushalt Heckler/Maunier. Während Ethan noch stiller als sonst zu sein schien, hielt Niels sich an Alex, sogar ganz wörtlich, immer wieder griff er unter dem Tisch nach der Hand seines Freundes. Der drückte sie mit einem Lächeln und Niels war unendlich dankbar, dass er nicht mehr allein mit Ethan und Emily war. Emily wirkte zunächst so, als wolle sie sich um Normalität bemühen, als sie sich nach Snoopy erkundigte, aber das stellte sich schnell als ihr einziger Beitrag zum Smalltalk heraus. Stattdessen schien sie gewillt zu sein, an diesem Abend Niels’ und Ethans Rekord vom Vorabend einstellen zu wollen. Während sich die drei Männer nach einer Runde Schnaps an Bier hielten, griff Emily immer wieder zur Flasche, bis ihr Kopf schließlich friedlich schnarchend auf die Tischplatte sank.
Niels sah zu Alex, und der nickte nur. Also stand er auf und hob Emily mit Ethans Hilfe vom Stuhl. Dann trug er sie ins Schlafzimmer und legte sie in das breite Bett, das er sich normalerweise mit Alex teilte, er und sein Freund konnten auch auf dem Boden im Wohnzimmer schlafen, die Isomatten standen sowieso vor dem großen Wandschrank und sie waren beide gewohnt, auf hartem Untergrund zu schlafen. Bei Ethan war sich Niels da sowieso sicher.

Alex war als Erster wieder wach am nächsten Morgen, als Niels aufwachte, stand er bereits in der Küche und hatte Kaffee gekocht.
“Guten Morgen, mon cher”, begrüßte Alex seinen Freund und gab ihm einen Kuss, dann reichte er ihm eine Tasse Kaffee.
“Ist Ethan schon wach?” wollte er dann wissen.
“Bdezmmr”, nuschelte Niels, während er in einen Bagel biss.
“Ich finde es wahnsinnig sexy, wenn du mit vollem Mund sprichst.” Alex grinste und gab Niels noch einen Kuss, dann ging er zum Kühlschrank.
“Ich weiß, darum mache ich es ja”, antwortete Niels, was ihm ein Augenrollen und ein erneutes Grinsen von Alex einbrachte.
Er holte eine Kaffeetasse und füllte sie, dann ging er Richtung Schlafzimmer, um Emily zu wecken, wobei das nicht mehr nötig war, sie war wach und blinzelte, als Niels den Raum betrat.
“Hast du gut geschlafen?” wollte er wissen.
Emily rieb sich die Augen und setzte sich auf.
“Geht so. Danke, dass ich hier übernachten durfte”, sagte sie, während Niels ihr die Tasse reichte.
“Das war doch selbstverständlich. Und sicher ist es hier auch – immerhin ist das ein Jägerhaushalt.” Niels erinnerte sich daran, wie Alex und er einen ganzen Tag damit verbracht hatten, die Schutzzauber anzubringen, damit die Wohnung gegen Dämonen, Geister und sonstiges Kroppzeug geschützt war. Ein leises Lächeln huschte über Niels’ Lippen, als er daran dachte, dass er bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal erlebt hatte, wie Alex sich mit dem Übernatürlichen beschäftigte und dass er festgestellt hatte, dass sein Freund sich wesentlich besser mit Schutzzaubern auskannte als er selbst.
“Außerdem warst du viel zu betrunken”, erklärte Niels Emily, die vorsichtig den Kaffee trank.
Sie schwieg, und so redete er einfach weiter.
“Du hast hier immer einen Platz, das solltest du wissen. Achja, und Alex macht gerade Frühstück und du kannst gerne duschen. Im Bad liegen Handtücher im Regal hinter der Tür.”
Niels wollte sich zum Gehen umdrehen, um Emily Zeit zu geben, in Ruhe wach zu werden, als ihm noch etwas einfiel.
“Ethan ist mein bester Freund, das weißt du. Und du… du bist eine gute Freundin. Vielleicht sogar mehr als das, wenn man bedenkt, was wir zusammen erlebt haben. Ich will nicht wissen, was zwischen euch vorgefallen ist, aber ich hoffe, ihr kommt wieder zu einem normalen Verhältnis. Ich mag euch beide, und zwing mich nicht, mich zwischen euch zu entscheiden.”
Emily nahm einen Schluck Kaffee und nickte. “Es tut mir leid, wenn du dich zwischen den Stühlen fühlst”, meinte sie leise. Niels sah sie an und nickte ebenfalls, dann verließ er das Schlafzimmer, um Ethan zu suchen.
Der stand auf der Feuerleiter und rauchte, während er über das Greenwich Village blickte, das wie der Rest der Stadt niemals zu schlafen schien.
“Alles in Ordnung?” wollte Niels wissen.
Ethan nickte. “Mhm”, machte er, was von “Ja, alles bestens” bis hin zu “Euer Boden ist zu hart, um vernünftig darauf zu schlafen” alles heißen konnte. Niels fragte nicht weiter, sondern klopfte Ethan auf die Schulter. Aus den Augenwinkeln nahm er wahr, dass Emily Richtung Bad huschte, also hatte er die Küche und seinen Freund für einen Augenblick allein.

“Was machen unsere Gäste?” wollte Alex wissen, während er in der Pfanne wie jeden Morgen Rührei anbriet.
“Einer raucht, eine duscht”, meinte Niels, während er sich einen weiteren Bagel nahm.
“Wenn du die alle vor dem Frühstück ist, hast du ja gleich gar keinen Hunger mehr”, bemerkte Alex.
Niels zog eine Augenbraue hoch. “Ich kann immer essen, Hon, das weißt du doch.”
“Ja, und eines Tages wache ich neben einem fetten Kerl auf”, konterte Alex. Als er sah, dass Niels den Mund öffnete, unterbrach er ihn. “Wenn du wieder den Spruch bringst, dass dann mehr zum Liebhaben an dir dran ist, schlag ich dich”, drohte er ihm mit dem erhobenen Schneebesen.
“Versuch’s doch. Ich bin größer, älter und stärker als du”, meinte Niels grinsend, wobei er sich noch einmal besonders streckte, damit auffiel, dass er einen halben Kopf größer war als sein Freund.
Alex betrachtete Niels mit verschränkten Armen. “Aber ich bin immer noch der Klügere von uns beiden”, behauptete er, doch dann rümpfte er die Nase.
Putain! Les oeufs! Ils sont brûlés! ” begann er auf Französisch zu schimpfen, was dazu führte, dass Niels erst recht lachen musste. Er hatte jedoch keine Lust darauf, sich mit Alex zu streiten, denn er fürchtete, dass er sonst hätte kochen müssen, und das war etwas, was Niels genauso wenig konnte wie Fremdsprachen. Nahrungszubereitung hieß für ihn, die Nummer des Pizzaservice zu kennen.

Das Frühstück verlief schweigend, bis Emily plötzlich aufstand und sich verabschieden wollte. Niels begleitete sie zur Tür, Ethan folgte ihm.
“Pass auf dich auf”, meinte er leise, und sie nickte nur, dann schien sie kurz zu überlegen.
“Nein, das wäre jetzt unpassend”, murmelte sie. Niels und Ethan sahen sie fragend an, aber sie führte nicht weiter aus, was genau in diesem Moment unpassend gewesen wäre.
Niels überlegte, ob er Emily zum Abschied umarmen sollte, doch mit einem Seitenblick auf Ethan ließ er davon ab und reichte ihr nur die Hand.
“Macht’s gut”, flüsterte Emily, dann drehte sie sich auf dem Absatz um und verschwand die Treppe hinab.

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Timberwere

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